Man erkennt sie inzwischen erstaunlich schnell: die Plakate fürs Sommerfest, den Tag der offenen Tür, das Vereinsjubiläum, das Fußballturnier oder die Neueröffnung. Irgendwo strahlen einem Menschen entgegen, die ein bisschen zu gut gelaunt aussehen, die Sonne steht grundsätzlich tief, im Hintergrund fliegt Konfetti und alles wirkt größer, spektakulärer und emotionaler, als es für ein Grillfest am Vereinsheim vermutlich notwendig wäre. Und wenn man genauer hinschaut, stimmt dann doch irgendetwas nicht. Eine Hand sieht merkwürdig aus, ein Bierglas hat eine eigenwillige Form oder das Vereinsheim im Hintergrund besitzt plötzlich architektonische Möglichkeiten, von denen der Vorstand bislang nichts wusste. Willkommen bei dem, was ich inzwischen ein bisschen überspitzt die KI-Poster-Seuche nennen würde.

Und bevor das falsch verstanden wird: Ich habe überhaupt nichts gegen KI. Im Gegenteil. Ich nutze sie selbst und finde viele Möglichkeiten, die sie gerade im kreativen Bereich bietet, ziemlich beeindruckend. Was mir nur zunehmend auffällt: Seit Bild-KI für praktisch jeden verfügbar ist, scheint bei Werbung für kleinere Veranstaltungen häufig nur noch eine Frage wichtig zu sein: Wie spektakulär können wir das Motiv machen? Ob es danach noch zum Verein, zum Unternehmen oder zur eigentlichen Veranstaltung passt, kommt manchmal erst an zweiter Stelle.

Aus „Mach mal schnell ein Plakat“ wurde wirklich schnell

Wer schon einmal in einem Verein aktiv war oder in einem kleineren Unternehmen arbeitet, kennt vermutlich diesen Satz: „Wir brauchen noch schnell ein Plakat.“ Früher bedeutete „schnell“ trotzdem, dass sich irgendjemand hinsetzen musste. Ein Bild suchen, Texte zusammensammeln, Farben auswählen, alles halbwegs ordentlich anordnen und vielleicht noch jemanden fragen, der sich ein bisschen mit Gestaltung auskennt. Heute kann man einer KI ungefähr sagen: „Mach mir ein modernes, emotionales Plakat für ein Sommerfest mit Grill, Bier, Live-Musik, Familien, Kindern und guter Stimmung.“ Wenige Sekunden später ist da tatsächlich etwas, das auf den ersten Blick ziemlich beeindruckend aussieht.

Genau darin liegt der Reiz – und gleichzeitig das Problem. Denn ein beeindruckendes Bild ist noch lange kein gutes Plakat. Das fällt mir gerade deshalb auf, weil man inzwischen wirklich überall über solche Motive stolpert: in Social-Media-Feeds, bei Vereinsveranstaltungen, bei kleinen Unternehmen oder auf Veranstaltungsankündigungen. Und irgendwann entwickelt man tatsächlich einen Blick dafür. Man sieht das Motiv und denkt nicht mehr zuerst: „Oh, schönes Sommerfest“, sondern eher: „Ah. KI.“

Das Problem ist nicht die KI

Dabei kann KI für Gestaltung unglaublich hilfreich sein. Sie kann Bildideen liefern, Hintergründe erzeugen, Motive erweitern oder Situationen darstellen, für die früher ein Fotoshooting oder aufwendig recherchiertes Stockmaterial nötig gewesen wäre. Gerade für kleine Vereine, ehrenamtliche Organisationen oder Unternehmen mit begrenztem Marketingbudget ist das eine echte Chance. Warum sollte ein Verein viel Geld für ein individuelles Fotoshooting ausgeben, wenn es nur darum geht, eine bestimmte Atmosphäre für eine Veranstaltung anzudeuten? Warum sollte man eine Technologie nicht nutzen, die einem Arbeit abnimmt?

Das Problem beginnt für mich erst dort, wo aus dem Werkzeug plötzlich der komplette Gestalter werden soll. Denn Gestaltung ist eben mehr als: „Erzeuge mir ein schönes Bild.“ Ein gutes Plakat muss vor allem funktionieren. Ich muss innerhalb weniger Sekunden verstehen, worum es geht, wann die Veranstaltung stattfindet, wo ich hinmuss, wer dahintersteht und warum ich überhaupt kommen sollte. Im besten Fall erkenne ich sogar noch, von wem das Plakat stammt, bevor ich das Logo gesucht habe. Genau das geht bei vielen dieser KI-Motive verloren.

Hauptsache episch

Viele der Plakate, die mir aktuell auffallen, haben denselben Grundfehler: Sie wollen einfach zu viel. Alles muss dynamisch, emotional, modern, hochwertig, fotorealistisch, freundlich und professionell sein – und natürlich ein bisschen episch. Das Resultat ist dann gerne eine Mischung aus Hollywood-Filmplakat, Freizeitpark-Werbung und Energydrink-Kampagne. Für das Sommerfest mit Kaffee und Kuchen. Natürlich bei Sonnenuntergang, selbstverständlich mit dramatischem Gegenlicht und wenn irgendwo noch ein paar Funken durch die Luft fliegen können, umso besser.

Ich frage mich dabei manchmal tatsächlich, wann wir beschlossen haben, dass jedes örtliche Fußballturnier aussehen muss, als würde dort am Abend über das Schicksal der Menschheit entschieden. Dabei muss Werbung nicht immer spektakulär sein. Sie muss vor allem passend sein. Genau das wird aber schnell vergessen, wenn die Technik plötzlich Dinge erzeugen kann, die früher nur mit viel Aufwand möglich waren.

Und jetzt müssen da noch die Informationen drauf

Das eigentliche Drama beginnt häufig sowieso erst nach der Bilderstellung. Denn zunächst wurde ein möglichst eindrucksvolles KI-Motiv gebaut: Menschen im Vordergrund, eine Bühne hinten, Lichterketten, Grill, Bier, Kinder, Luftballons, Fußball, Feuerwerk – alles drin. Dann fällt jemandem auf: „Wir müssen ja noch den Text draufmachen.“ Und plötzlich brauchen wir Platz für Sommerfest 2026, Samstag, 18. Juli, Beginn 14 Uhr, Kaffee und Kuchen, Kinderprogramm, Live-Musik, Grillstation, Eintritt frei, Adresse, Vereinslogo, Sponsor und QR-Code.

Der Hintergrund ist allerdings bereits komplett voll. Also wird die Schrift etwas kleiner, dann noch etwas kleiner, vielleicht bekommt sie einen Schatten, eine Kontur oder eine transparente Fläche – oder sicherheitshalber alles zusammen. Am Ende passt tatsächlich alles aufs Plakat. Man kann nur nichts mehr lesen.

Genau an solchen Stellen merkt man, warum Gestaltung eben nicht nur daraus besteht, ein schönes Bild zu produzieren. Es geht darum, Informationen zu gewichten. Was soll zuerst gesehen werden? Was als Zweites? Welche Information ist wichtig? Welche kann kleiner sein? Braucht man wirklich alles? Wo braucht das Auge Ruhe? Das sind Entscheidungen. Und genau diese Entscheidungen machen Gestaltung aus.

Das Verrückte: Am Ende sieht trotzdem alles gleich aus

Eigentlich müsste künstliche Intelligenz ja das genaue Gegenteil bewirken. Wir haben plötzlich ein Werkzeug, mit dem theoretisch Milliarden unterschiedliche Bildwelten erzeugt werden können. Und trotzdem sieht erstaunlich viel davon verdammt ähnlich aus. Diese warme Abendsonne, die cineastische Tiefenschärfe, das leicht übertriebene Leuchten, die perfekten Menschen, die übersteigerte Dynamik. Ein Sommerfest sieht aus wie das nächste, ein Firmenfest könnte genauso gut Werbung für ein Ferienresort sein, der Weihnachtsmarkt um die Ecke sieht plötzlich aus, als würde Netflix gerade „Christmas Village – The Movie“ ankündigen, und ein Fußballturnier erinnert optisch eher an das Champions-League-Finale als an einen Sonntag auf dem Sportplatz.

Das ist kurzfristig beeindruckend. Langfristig entsteht daraus aber genau das Gegenteil von dem, was Werbung eigentlich erreichen sollte: Austauschbarkeit. Ein Verein hat eine Identität. Ein Unternehmen ebenfalls. Es gibt Farben, Schriften, eine bestimmte Bildsprache, vielleicht eine lange Geschichte oder einfach eine ganz eigene Art aufzutreten. Ein traditionsreicher Sportverein sollte nicht genauso aussehen wie ein modernes Start-up. Eine Schreinerei darf anders kommunizieren als eine Unternehmensberatung. Ein Dorffest muss nicht wirken wie ein internationales Musikfestival.

Wenn ich aber auf ein Plakat schaue und theoretisch jedes beliebige Logo oben links einsetzen könnte, ohne dass sich der Gesamteindruck verändert, ist etwas verloren gegangen. Dann wurde zwar ein schönes Bild erzeugt, aber keine Kommunikation für einen konkreten Absender. Ich glaube, genau da liegt ein großer Unterschied zwischen „sieht gut aus“ und „ist gut gestaltet“.

Natürlich spielt Geld eine Rolle

Und ja: Ich verstehe vollkommen, warum diese Entwicklung gerade bei Vereinen und kleinen Unternehmen so stark ist. Budgets sind begrenzt. Nicht jeder kann für jede Veranstaltung einen Grafiker beauftragen und ehrlich gesagt wäre es auch vollkommen übertrieben, für jeden einzelnen Instagram-Post ein großes Gestaltungskonzept entwickeln zu lassen. KI kann hier unglaublich sinnvoll sein. Sie kann Kosten senken, Ideen liefern und Dinge ermöglichen, für die vorher schlicht kein Budget vorhanden war.

Aber auch ein günstiges Werkzeug braucht jemanden, der damit umgehen kann. Wenn ich ein KI-Motiv verwende, muss trotzdem jemand entscheiden, ob es zum Absender passt, ob die Stimmung stimmt, ob die Typografie funktioniert, ob das Logo ordentlich eingebunden ist und ob ich die wichtigsten Informationen erkenne. Und manchmal eben auch, warum der Mann links im Hintergrund plötzlich drei Unterarme hat.

KI ist ein Werkzeug – und ein ziemlich gutes

Für mich ist deshalb die ganze Diskussion „KI gegen Grafikdesign“ sowieso falsch aufgezogen. Photoshop gestaltet schließlich auch kein Plakat. Canva gestaltet kein Plakat. Eine gute Kamera macht nicht automatisch ein gutes Foto. Und nur weil jemand einen hochwertigen Akkuschrauber besitzt, würde vermutlich auch niemand automatisch davon ausgehen, dass er Schreiner ist.

KI ist ein Werkzeug. Ein extrem mächtiges Werkzeug sogar. Wer ein Gefühl für Typografie, Komposition, Farben, Bildsprache und Kommunikation hat, kann damit Dinge machen, die vor wenigen Jahren noch deutlich mehr Aufwand bedeutet hätten. Und genau deshalb finde ich die Entwicklung auch spannend. Aber KI ersetzt diese Grundlagen nicht. Vielleicht zeigt sie sogar ziemlich deutlich, wie wichtig sie sind. Denn schlechte Gestaltung gab es natürlich schon lange vor ChatGPT, Midjourney und Co. KI hat schlechte Gestaltung nicht erfunden. Sie hat nur dafür gesorgt, dass man sie jetzt innerhalb weniger Sekunden produzieren kann.

Vielleicht muss nicht alles aussehen wie Hollywood

Vielleicht wäre deshalb gelegentlich ein bisschen weniger wieder ganz angenehm. Das nächste Sommerfest braucht keine fünf euphorisch lachenden Menschen vor einem explodierenden Sonnenuntergang. Ein Fußballturnier funktioniert auch ohne Spieler, die durch brennende Rasenpartikel sprinten. Und der örtliche Friseursalon kann seine Neueröffnung möglicherweise sogar ankündigen, ohne dass die Haare eines Models wie flüssiges Gold durch einen futuristischen Raum schweben.

Manchmal reichen ein gutes Foto, eine passende Schrift, ein paar vernünftig gesetzte Informationen und zwei Farben. Vielleicht sieht das im ersten Moment weniger spektakulär aus. Dafür passt es zum Absender. Und man kann sogar lesen, wann man kommen soll.

KI wird aus der Gestaltung nicht wieder verschwinden. Und meiner Meinung nach sollte sie das auch gar nicht. Sie wird irgendwann genauso selbstverständlich dazugehören wie digitale Bildbearbeitung, Stockfotos oder Layoutprogramme heute. Deshalb finde ich auch die Frage, ob etwas „mit KI gemacht“ wurde, zunehmend uninteressant. Die bessere Frage lautet: Ist es gut gemacht?

Denn KI kann Bilder erzeugen, Ideen liefern und unglaublich viel Arbeit beschleunigen. Aber zu entscheiden, was zum Absender passt, was lesbar ist, was glaubwürdig wirkt und was am Ende wirklich funktioniert – das bleibt Gestaltung.

Und vielleicht wäre genau das bei dem einen oder anderen Sommerfest-Plakat wieder einen Gedanken wert.

Die Beitragsbilder sind KI-generiert